Konfliktarenen


"Arena of Nîmes" by Wolfgang Staudt is licensed under CC BY 2.0.

Als Softwareentwickler und -architekten arbeiten wir in komplexen soziotechnischen Systemen. Wir sind Teil von Organisationen, in denen wir mit anderen Menschen kollaborieren, um Software für wieder andere Menschen oder Organisationen zu entwickeln. Jeder Mensch in dieser Kette hat eigene Ziele, Wünsche, Träume und Hoffnungen. Auch die Organisationen selbst folgen eigenen Zwecken, reagieren auf aktuelle technologische Entwicklungen, Marktbewegungen oder geben sich Managementmoden hin. Diese Ziele folgen zwar alle einer subjektiven Zweckrationalität, sind aber niemals widerspruchsfrei. Diese Paradoxien können nicht aufgelöst werden, haben aber eine Auswirkung auf unsere Zusammenarbeit oder sogar den Erfolg unserer Projekte. Als Architekten müssen wir daher verstehen, wie wir diese Zielkonflikte in unserer täglichen Arbeit austarieren oder zwischen einzelnen Konfliktparteien vermitteln können, um unsere Projekte erfolgreich umsetzen zu können.

Anatomie eines Konflikts

Ein Konflikt besteht aus wiederkehrenden grundsätzlichen Elementen, deren Verständnis für den Umgang mit ihnen notwendig ist.

Die Konfliktparteien sind die beteiligten Akteure eines Konflikts. Dies können einzelne Personen oder auch Gruppen innerhalb einer Organisation sein. Sie weisen unterschiedliche Interessen, Werte oder Ziele auf, welche sich im Widerspruch zu der anderen Konfliktpartei befinden.

Die Parteien streiten um einen Konfliktgegenstand. Dieser kann sich auf der materiellen Ebene befinden, bspw. wenn um Güter, Geldtöpfe oder Mitarbeiterkapazitäten gestritten wird, oder auf der immateriellen Ebene zu finden sein, wo es um Status, Anerkennung oder Macht geht.

Jeder Konflikt hat Konfliktursachen, welche die strukturellen Auslöser für den Konflikt beschreiben. Dies können bspw. Ungleichheiten, Ressourcenknappheiten oder Werteunterschiede zwischen den Konfliktparteien sein.

Zudem weist jeder Konflikt auch konkrete Konfliktverhalten der beteiligten Parteien auf. Dies können Verhandlungen zwischen den Parteien, Protestbewegungen in der Organisation oder gar stark antagonale Verhaltensweisen, wie bspw. Stonewalling1 oder Mobbing, sein.

Konfliktarenen

Die Idee von Konfliktarenen ist dem Buch “Triggerpunkte” von Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser entlehnt. In dem Buch werden sie verwendet, um grundsätzliche gesellschaftliche Konflikte in der Bundesrepublik Deutschland zu analysieren. Meine These ist, dass wir diese auch als deskriptives Werkzeug verwenden können, um unsere eigenen Konflikte auszuleuchten und auszutarieren. Zur Genese des Begriffs schreiben die Autoren folgendes:

Der Begriff Arena ist nicht zufällig gewählt. Er bezeichnet einen Ort des (Wett-)Kampfes vor Zuschauern, das heißt: in der Öffentlichkeit. In Arenen wird gewetteifert, gestritten und angefeuert, Loyalitäten bilden sich aus und vertiefen sich. Dabei gelten in den diskursiven Kämpfen andere Regeln als im Circus Maximus: Hier gibt es weder einen Schiedsrichter noch eine festgelegte Spieldauer; und das Publikum sitzt nicht immer nur auf den Rängen, sondern stürmt bisweilen sozusagen das “Spielfeld”. 2

Bei diesen Arenen handelt es sich also keineswegs um einen physischen Ort, an dem wir das Kettenhemd anziehen und mit Axt und Schild bewaffnet in den Kampf gegen andere Konfliktparteien ziehen, sondern um unterschiedliche Konfliktherde, die in Beziehung zueinander stehen können.

Ein Konflikt, welcher viele Unternehmen im Jahr 2025 beschäftigt, ist bspw. der Einsatz von generativer KI für die Entwicklung von Software. Manager sehen in Produktpräsentationen von Herstellern Beispiele dafür, wie KI-gestützte Werkzeuge ganze User Interfaces designen, Anforderungen nach dokumentieren oder gar ganze Features auf Basis von natürlicher Sprache umsetzen. Das Versprechen ist klar: Setzen wir KI ein, dann können wir die Produktivität erheblich steigern. Setzen wir KI hier nicht ein, dann fallen wir hinter der Konkurrenz zurück und laufen Gefahr nicht mehr wettbewerbsfähig zu sein. Entwickler hingegen können sich von dieser Technologie angegriffen fühlen. Sie werden auf Studien verweisen, die zeigen, dass die Entwickler tatsächlich langsamer durch den Einsatz von KI werden3. Der Grund hierfür kann auch unter der Oberfläche der Argumentation sein, denn der Einsatz generativer KI kann für sie mit einem Ansehensverlust einhergehen, da ihre Arbeit entwertet wird. Zudem kann dies auch mit einem wirtschaftlichen Verlust für sie einhergehen, da lang verdiente Entwickler mit hohem Gehaltsniveau auf einmal ersetzbar erscheinen. Gleichzeitig sind die Entwickler weiterhin für die Qualität und somit den Erfolg der Software zuständig und müssen sicherstellen, dass die Unmengen schnelle generierten Codes weiterhin das erwartete Qualitätsniveau einhalten. Gleichzeitig werden die Entwickler auch darauf hinweisen, dass sich das Unternehmen mit der Einführung von generativer KI von anderen Unternehmen abhängig macht und so kurzfristige Effizienzgewinne in der Zukunft vielleicht teuer erkauft werden.4

Beide Parteien reagieren auf diese Situation aus ihrer Perspektive rational und haben durchaus objektiv nachvollziehbare Argumente für und wider des Einsatzes von generativer KI und doch sind ihre Standpunkte unvereinbar. Gleichzeitig gibt es auch einige nicht explizit ausgesprochene Glaubenssätze und Hintergründe, welche ohne die Konflikte bewusst zu analysieren nicht verhandelt werden können. Diese als Teil der Konfliktarenen in unserer Organisation aufzudecken kann somit ein ein Schlüssel sein, mit dem wir den gordischen Knoten lockern oder sogar lösen können.

In diesem Konflikt lassen sich mehrere Arenen identifizieren, die gleichzeitig “bespielt” werden:

Die Effizienz-Arena: Hier wird um die Definition von Produktivität gerungen - bedeutet sie schnellere Code-Erzeugung oder nachhaltige Softwarequalität?

Die Identitäts-Arena: Entwickler kämpfen um die Anerkennung ihrer Expertise und ihres Berufsstandes, während Manager die Rolle von Technologie neu definieren wollen.

Die Macht-Arena: Wer bestimmt über Technologie-Entscheidungen? Fachexperten oder Führungskräfte?

Die Risiko-Arena: Kurzfristige Effizienzgewinne stehen langfristigen Abhängigkeitsrisiken gegenüber.

Fazit

Wir bewegen uns in Softwareentwicklungsprojekten in einem konstanten Spannungsfeld zwischen technischen Anforderungen und menschlichen Interessen. Konfliktarenen sind ein deskriptives Werkzeug, mit dem wir diese Spannungsfelder konkret benennen können. Das Ziel dessen ist es sie verhandelbar zu machen.

Die Kunst liegt darin, zu erkennen, in welcher Arena gerade “gekämpft” wird und welche Werkzeuge dort angemessen sind. Denn oft scheitern gute Lösungsvorschläge nicht an ihren Inhalten, sondern daran, dass wir die Menschen dabei auf der Strecke lassen.

Footnotes

  1. Unter Stonewalling versteht man die Weigerung zu kommunizieren. Vglw. Was bedeutet „Stonewalling“? - Bedeutung und Herkunft erklärt - Stuttgarter Zeitung

  2. Mau, Lux, Westheuser (2023): Triggerpunkte - Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft, S. 38

  3. Becker, Rush, Barnes, Rein (2025): Measuring the Impact of Early-2025 AI on Experienced Open-Source Developer Productivity arxiv.org

  4. In einer realen Situation gäbe es noch weitere Parteien, welche sich am Konflikt beteiligen, wie bspw. IT-Security, Datenschützer, etc.